Schon gewußt?

Kinder und Abkömmlinge sind nicht das gleiche!

von Rechtsanwalt Albin Schreiner, Burglengenfeld

Die in Testamenten beliebte Formulierung, dass „die Abkömmlinge“ erben sollen, ist mit Vorsicht zu gebrauchen: Nach einer neueren Entscheidung des Oberlandesgericht (OLG) Oldenburg umfasst dieser Begriff nicht nur die von den Testierenden unmittelbar abstammenden Kinder, sondern auch deren Kinder, also die Enkel der Testierenden (OLG Oldenburg: Urteil vom 11.09.2019 – 3 U 24/18).

In einem gemeinschaftlichen Testament hatten sich die Eheleute 1973 gegenseitig zu Alleinerben eingesetzt. Erben des Letztversterbenden sollten demnach „unsere gemeinschaftlichen Abkömmlinge zu gleichen Anteilen“ sein. Nach dem Tod der zuletzt verstorbenen Ehefrau entbrannte unter den Angehörigen ein heftiger Streit, wer mit der im Testament gebrauchten Formulierung gemeint war – „nur“ die noch sechs lebenden Kinder oder auch die Enkel.

Das Landgericht Osnabrück vertrat zunächst noch die Rechtsauffassung, Erben seien nur die gemeinsamen Kinder der Eheleute geworden. Dagegen wandte sich unter anderem ein Enkelsohn mit der Berufung – erfolgreich wie sich herausstellte:

Das OLG vertrat nämlich die gegenteilige Auffassung, der im Testament verwendete Begriff der „Abkömmlinge“ sei mehrdeutig und auslegungsbedürftig. Er gehe in der Regel weiter als der Begriff der „Kinder“: Der Begriff erfasse auch Enkel, Urenkel und weitere Abkömmlinge.

Zitat: Der Begriff „Abkömmlinge“ ist so auszulegen, dass hiermit alle Abkömmlinge und nicht nur Kinder gemeint sind. Sofern eine Einschränkung auf Kinder und damit eine untechnische Nutzung des Wortes „Abkömmlinge“ beabsichtigt gewesen wäre, hätte es nahegelegen, diese Einschränkung in das Testament aufzunehmen.

Wären nur die Kinder gemeint gewesen, hätten die Eheleute auch den Begriff „Kinder“ wählen können. Es sei auch plausibel, dass die Eheleute alle ihre zum Zeitpunkt des Erbfalls lebenden Abkömmlinge – egal ob Kinder, Enkel oder Urenkel – gleich behandeln wollten. Denn häufig hätten die eigenen Kinder beim Versterben der Eltern bereits eine gefestigte Lebensstellung, während die Enkel und gegebenenfalls die Urenkel sich noch ihr eigenes Lebensumfeld schaffen müssten und eher finanzielle Unterstützung nötig hätten, so die Richter am OLG. Am Ende partizipierte daher auch der Enkel am Erbe.

Die Entscheidung ist zutreffend und juristisch überzeugend begründet. Ähnlich wie bei den häufig von Laien synonym verwendeten Begriffspaaren „vererben“ und „vermachen“ sind im juristischen Kontext eben auch „Kinder“ und „Abkömmlinge“ nicht das gleiche. Der oder die Erblasser sollten sich bei Anfertigung des Testaments hierüber im Klaren sein. Diese sprachlichen Missverständnisse können sonst nach Eintritt des Erbfalls für unerwarteten Zündstoff sorgen.