Schon gewußt?

Kleines“ Sorgerecht für Stiefeltern

von Rechtsanwalt Albin Schreiner, Fachanwalt für Familienrecht, Burglengenfeld

Der Ruf von Stiefeltern war in früheren Zeiten leider nicht der Beste: Die „böse Stiefmutter“ zieht sich als Motiv wie ein roter Faden durch zahlreiche Märchen, seltener kommt der böse Stiefvater vor, zum Beispiel im Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Im Zeitalter von Patchworkfamilie und Wechselmodell ist dies nicht mehr zeitgemäß. Dies hat auch der Gesetzgeber erkannt und dem Stiefelternteil – weitgehend unbekannt – sogar ein „abgespecktes“ Sorgerecht für das Kind des Ehepartners eingeräumt. Dieses „kleine Sorgerecht“ entsteht automatisch mit der Eheschließung und ist in § 1687b BGB geregelt.

Die Gesetzesregelung bevollmächtigt den Stiefelternteil, in Angelegenheitden des täglichen Lebens Entscheidungen für sein Stiefkind zu treffen. Wichtig ist dabei: Der Stiefelternteil muss stets im Einvernehmen mit dem sorgeberechtigten Elternteil handeln. Etwas anderes gilt ausnahmsweise nur bei Gefahr in Verzug, d.h. wenn es sich um Angelegenheiten des Kindes handelt, die so eilig sind, dass keine Zeit bleibt, den sorgeberechtigte Elternteil vorher zu fragen. Auch in diesem Ausnahmefall ist der sorgeberechtigte Elternteil aber unverzüglich von den getroffenen Entscheidungen zu informieren.

Das kleine, vom sorgeberechtigten Elternteil abgeleitete Sorgerecht geht aber stets nur soweit, wie auch der sorgeberechtigte, leibliche Elternteil in Angelegenheiten des Kindes alleine entscheiden kann.

Mehrere verschiedene Konstellationen sind hier denkbar. Stellen wir uns als Beispiel zur Veranschaulichung eine moderne Patchworkfamilie vor: Mann und Frau sind verheirat, für die Frau ist es die zweite Ehe. Sie bringt aus erster Ehe ein Kind mit in die neue Ehe.

Ist der leibliche Elternteil des Kindes, im Beispiel die Mutter, allein sorgeberechtigt für das Kind (alleinige elterliche Sorge), kann auch der Stiefvater (nach Absprache mit der Mutter wie oben ausgeführt) in allen Angelegenheiten des Kindes Entscheidungen treffen.

Schwieriger ist die Situation, wenn beide leibliche Elternteile (Mutter und geschiedener Ehemann) Träger der elterlichen Sorge sind und diese gemeinsam ausüben (gemeinsames Sorgerecht der leiblichen Eltern). In obigem Beispiel sollen also jetzt die Mutter und der Vater des Kindes, der geschiedene erste Ehemann der Mutter, gemeinsam sorgebrechtigt sein. In dieser Konstellation darf auch der leibliche Elternteil (die Mutter) – so will es § 1687 BGB – nur Entscheidungen des täglichen Lebens des Kindes alleine ohne den anderen sorgeberechtigten Elternteil (leiblicher Vater) treffen.

Entscheidungen in Angelegenheiten des täglichen Lebens sind solche, die häufig vorkommen und die keine schwer abzuändernden Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben. Ergo sind in dieser Konstellation auch nur solche Entscheidungen auf den Stiefelternteil übertragbar.

Wichtig zu wissen: Stirbt der leibliche Elternteil und soll das Kind im Haushalt des Stiefelternteils verbleiben, kann der Stiefelternteil sogar beantragen, dass das Stiefkind auch künftig bei ihm bleiben darf und nicht an den überlebenden leiblichen Elternteil zu übergeben ist (Verbleibensanordnung gemäß § 1682 BGB). So soll vermieden werden, dass das Kind aus seinem Lebensmittelpunkt gerissen wird. Der Antrag ist beim Familiengericht zu stellen, das auch über ihn entscheidet.